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Massima brava

Massima brava

 

Mama mit 3jährigem Kind und Mann – Herausforderungen einer Rumänin in einer Kleinstadt in der Toskana

 

Trinken wir demnächst einen Kaffee zusammen? fragt sie mich vor einigen Wochen in der Bibliothek, wo Ornella gerade die Italienische Lektion beendet hatte.

 

Ich freue mich darüber. Massima kommt ursprünglich aus Rumänien. Sie ist größer als ich, also viel größer als die meisten anderen hier in der Toskana. Etwa Mitte 30, stark und drahtig gebaut - und gleichzeitig kommt sie mir zart vor. Ein schönes, ebenmäßiges Gesicht umrandet ihre wachen Augen.

 

Im Unterricht versteht sie immer alles, was Ornella, die Lehrerin, sagt. Und spricht fast akzentfrei.

 

Als sie zum ersten Mal in die Bibliothek kam, hatte ich ein wunderschönes Bilderbuch gelesen und beschrieb es: ein Kind verliert seine Großmutter und wächst natürlich in die Überwindung der Trauer hinein. Wunderschön die Bilder. Ich erzählte, wie mich die Natürlichkeit und Echtheit der Bilder und Worte berührt hatten.

 

Ganz natürlich und mit einem Anflug von Trotz, sagt Massima, dass sie genau DAvon gerade genug habe. Ihre Mutter sei vor drei Monaten gestorben. An Krebs. Kurz nachdem sie alle zusammen in Italien angekommen sind: die Mutter, sie selbst, ihr Mann und die 3jährige Tochter. Um die Mutter zu begleiten, die sich hier behandeln lassen wollte. Und nun sei sie tot. Und sie seien hier in Italien.

 

Später hörte ich, dass sie mehrere Jahre in Deutschland gelebt hatten. Und als perfektes 3 Generationen Team zusammengewirkt hatten. Mutter und Tochter bei einer großen Fastfood-Kette. Immer abwechselnd an der Kasse. Effizient und gut bezahlt. Nicht so wie hier in Italien. Wo der Mann 6 voll Tage schuftet und 2000€ nachhause bringt.

 

Komm, lass uns zu mir gehen, statt ins Café, sagt sie, als wir uns zum ersten Mal zu zweit treffen. Wir überqueren die Tiberbrücke und schnaufen in der heißen Sonne 5 Minuten den steilen Hang hoch. Dann unter der Autobahn hindurch und … da sind wir, sagt sie. Direkt hinter der Autobahn ist links das Grundstück mit mehreren Häusern.

 

Wir gehen auf einen Garten zu, der sich an der schalldämpfenden Verschalung der Autobahn entlang zieht. Bei dem vielen Mairegen ist alles grün und üppig gewachsen.

 

Wäre die Autobahn nicht da, wir befänden uns im perfekten Toskana Klischee. Ich bin überrascht, wie wenig die vorbeirauschenden Motoren zu hören sind. Doch es ist laut genug, um den Kontrast zwischen dem Naturbild und den Menschengemachten Geräuschen wahrzunehmen.

 

Ich verstehe sehr gut, dass Ihr die Wohnung mögt, sage ich. Die Veranda grenzt direkt an den großen, schönen Garten an. Das wilde Grüne setzt verdeckt die omnipräsente Realität. Unwirklich. Und sehr wirklich gleichzeitig. Es ist alles gleichzeitig da.

 

Ein Pavillon schützt vor der Sonne. Und ich entdecke einen Orto, einen Gemüsegarten, mit Kartoffeln, Zwiebeln, Zucchini und Tomaten. Ich frage, wie lang Massima das schon macht. Zum ersten Mal, sagt sie lächelnd.

 

Wir genießen ihren guten Espresso und eiskaltes Wasser. Das Schmalzgebäck dazu habe sie auch selbst gemacht. Lecker! - Nun passen die Bilder, die ich mir von einer stark tätowierten Frau mache, endgültig nicht mehr zusammen.

 

Ein paar Tage später kommt sie mit Gabo, ihrem Mann und der kleinen Tochter zu uns aufs Mühlengrundstück. Mit einem 3er Pack Bier und einer großen Salami in der Hand steigen sie aus dem VW-Bus und entdecken mit großen Augen das riesige Mühlen Grundstück auf dem Land.

 

Zusammen schlendern wir zur Isola, dem kleinen Fluss.  Ich lerne den Mann an ihrer Seite kennen. Die beiden sind schon die Hälfte ihres Lebens zusammen. Während Gabo und ich uns über „uns in Italien“ austauschen, beruhigt Massima geduldig die Kleine.

 

Kennt Ihr eigentlich den Wasserfall von Bulciano, frage ich? Nein? Dann müsst ihr ihn kennenlernen. Ich zeige ihn Euch. Die kleine Stefania langweilt sich bald und ich bin froh, dass ich eine gute Idee für die kelien Familie habe. Ich fahre mit dem Auto vor und zeige ihnen den Wasserfall. Mit dem Riesenbassin eiskalten Wassers, was immer türkis schimmert.

 

Ab nächster Woche wird die kleine Stefania alle Tage bei mir sein, sagt Massima. Das Asilo, der Kindergarten, schließt zur Sommerpause. Für zweieinhalb Monate. So ist es eben, sagt sie schulterzuckend.

 

Am Montag hab ich die drei wieder mit dem Auto besucht. Als ich einen Apfel aus der Tasche hole, weil ich mich bei der Hitze einfach erfrischen möchte, bringt Massima eine Schale voll mit duftenden Äpfeln.

 

Sie zeigt auf eine Rasenfläche vor dem Gemüsegarten. Dort wird der Pool stehen, den mein Schwager gerade aus Rumänien nachgeschickt hat. Leider habe er die Füße vergessen. Aber wenn die da sind… Sie habe schon gewusst, dass der eines Tages wichtig wird.

 

Es ist so ruhig und ich frage, was die kleine Stefania im Haus wohl macht. Sie spielt mit dem Handy. Zum Glück, sagt sie. Dann ist einige Momente Ruhe.

 

Vielleicht kommt bald ein anderes Kind dazu, die Tochter von Isa, der schönen Marokkanerin aus unserer Gruppe. Eine win-win-Verbindung, aus der Wrkzeugkiste der Lehrerin mit dem großen Herz.

 

Als ich gesterndas Handy einschalte, entdecke ich in Massimas Telefon Status das klassisch üppige blau: ein leuchtender, großer Swimming Pool, in dem sich die Sonnenstrahlen brechen. In ihnen ein lachendes, planschendes Kind.

 

Heute erfahre ich, dass der Schwager jetzt da ist. Sie sind ans Meer gefahren.

Brava Massima.