
Wenn Ornella zuhört, wachsen dir Flügel
Als ich den Kopf zur Tür der Bibliothek reinstecke, lacht sie mir entgegen. So, wie sie es immer macht, bei jeder Einzelnen von uns. Es sind nur wenige da, denn die Ferien haben begonnen und alles ist irgendwie anders. Ruhiger. Ein wenig verbündet diejenigen, die noch da sind.
Ja, Sommerpause, das wird ihr auch guttun, sagt sie. Wann sie aus Korsika zurückkomme, weiß sie noch nicht. Aber die ganzen zwei Monate werde sie wohl nicht pausieren. Und danach machen wir weiter mit Italienisch in der Bibliothek.
Die klassische Lehrerin des alten Stils, fand ich, als ich sie zum ersten Mal sah. Benvenuta, cara, ich bin Ornella, sagt sie herzlich lächelnd. Und ich fühle mich augenblicklich willkommen.
Zwei sind schon vor mir da. Junge Mütter mit Schleier. Wir begrüßen uns, etwas schüchtern. Langsam kommen die anderen herein. Insgesamt sind wir etwa 8 Frauen unterschiedlichen Alters und Herkunft.
Ornella diktiert uns ein paar einfache italienische Sätze und malt dabei sie selbst geschwungene Buchstaben auf das Flipchart. Als wir gemeinsam „fare“ (=machen) im Chor konjugieren, finde ich mich endgültig 50 Jahre zurückversetzt. Alte Schule.
Was auch immer wir sagen, fragen, bemerken, sie hört mit großen Ohren zu. Wach und zugewandt antwortet sie oder stellt Rückfragen. Durch ihr freundliches Zuhören ermuntert sie jede von uns, etwas zu sagen, auch wenn das Italienisch noch unsicher und holprig ist. Dann ergänzt oder vollendet sie die Sätze manchmal und fragt, ob sie es richtig verstanden hat.
Einmal lädt sie uns ein, über unsere Werte zu sprechen. Sie sammelt die Begriffe an der Tafel. Emina, die junge Albanerin mit dem schönen Lachen, versteht nicht, was gemeint ist. Ornella erklärt es ihr, indem sie fragt: was magst du wirklich richtig gern in deinem Leben? Na dir zuzuhören, mit dir sprechen, das mag ich richtig gern, sagt sie und strahlt.
Jedes Mal nehmen wir eins von den vielen Kinderbüchern mit nachhause. Ornella sagt, dass wir auf diese Weise die nützliche Alltagssprache kennenlernen.
Eine Woche später berichten wir dann, reihum. Manche sprechen noch wenig italienisch. Das macht nichts. Meist greift Ornella den Faden schon nach ein zwei Sätzen auf und vollendet selbst die Schilderung. Mit Freude verkündet sie dann die Botschaft der Geschichten.
Viele von den Bilderbüchern schimmern fast unbenutzt und fühlen sich wie neu an. Die unterschiedlichsten Bilder, fein und speziell mit der Geschichte abgestimmt, ziehen uns alle in ihren Bann. Besonders natürlich, wenn Ornella mit theatralischer Stimme daraus vorliest.
Einmal hörte ich sie von einer Spende von vielen tausend Euro sprechen. Davon könne man zum Glück viele schöne Bücher erwerben lassen, sagt sie dankbar.
Die Bibliothek ist ein großer, alter, hoher Raum mit riesigen Regalen, die bis unter die Decke befüllt sind mit Büchern. Gleich rechts hinter dem Eingang stehen Tische mit Ausstellungskästen. Hier sind die legendären Libri Fatti a Mano ausgestellt, handgefertigte Bücher. Wenn sie den Begriff ausspricht, schwingt ein feiner Zauber der Würdigung durch den Raum.
Jedes Jahr im Mai findet eine große Ausstellung statt. Natürlich ist Ornella federführend dabei. Kurz vor Beginn holt sie das spektakulärste der Werke aus einem der Kästen hervor. Ein riesiges Buch.
Schaut mal, flüstert sie und schlägt sorgfältig und langsam die erste Seite auf. Für einen Augenblick steht die Zeit still. Zusammen bestaunen wir, was Menschen dort geschaffen haben. Eine eigene Welt. Tausend Aspekte einer Himmelsrichtung in schönsten Farben und Formen, die sich teilweise magisch aufklappen lassen.
Mit Ornella werden wir alle wieder zu Kindern. Und lernen und wachsen gleichzeitig wie die Riesen. In diesem warmen Raum. Wo es keine Angst gibt. Keine Bewertungen. Nur zuhören. Nur die erstaunliche wunder-volle Welt der Menschen auf diesem Globus, die sich noch zurechtfinden.
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